Mai 05|2010
Pfarrer Franz Erni über seine Erlebnisse in Peru
Unbekannte Bekannte
Bericht von Irene Reis
Während 10 Jahren von 1989 bis 1999 lebte Pfarrer Franz Erni in Peru. Was er und Hedi Studer in dieser Zeit dort erlebt haben, berichtet er der 3dörferpost:

Die Pastoralequippe (v.l.n.r.): drei enge Mitarbeiter, Dr. med. Pepe Ruedas, Hermana Hedi (Hedi Suter) , Padre Francisco (Pfarrer Franz Erni).
Seit langem habe ich die Rundbriefe von Missionaren und Entwicklungshelfern gelesen. 1980 besuchte ich in Peru die Fidei-Donum-Priester Benno Graf, Franz Gmür und Markus Degen. Dadurch verstärkte sich der Wunsch, dort auch einige Jahre im Sinn der Befreiungstheologie und ihrer „Option mit den Armen“ zu arbeiten. Die Motivation war, an einer ganzheitlichen Entwicklung der benachteiligten Mitmenschen mitzuwirken. Also nicht nur Seelsorge, sondern Menschen-sorge. So haben Hedi Studer und ich die Vorbereitungskurse bei Interteam und der Bethlehem Mission Immensee (BMI) besucht. Wir schlossen uns für den zehnjährigen Einsatz der BMI an, weil sie bereits Erfahrung mit Teams aus Laien-Fachleuten und Priestern hatte.
Unsere Aufgaben
Unsere Bereiche waren: Pastoral, Bildung, Gesundheit und technische Projekte. Die Arbeit in der pfarreilichen Pastoral war ähnlich wie in der Schweiz, allerdings ganzheitlicher. In den einzelnen Dörfern ergänzten uns die Animadores (KatechetInnen). Sie hielten wöchentlich eine Besinnungsstunde im Gemeindelokal oder bei sich zu Hause.
Sie konnten sich auch an überregionalen Kursen weiterbilden. Die schönsten Erfolge durften wir mit den monatlichen Bildungstagen erleben. Hedi Studer hat sie zusammen mit Frauen aus allen Dörfern geplant, vorbereitet und gestaltet, oft mit Unterstützung von auswärtigen Fachleuten. Viel Wissen hatten unsere Leute selber, wenn es z.B. um Heilkräuter oder Heilen mit Kohl ging. Manche wertvollen praktischen Erfahrungen mussten nur aus der Vergessenheit geholt werden. So wurden wieder vermehrt selber hergestellte Salben und Tinkturen verwendet statt teure Produkte der Schweizer Pharma. Ein wichtiges Anliegen war uns, eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu fördern. Darum gab es Gartenbau-Kurse und einen Koch-Wettbewerb jeweils am Muttertag. Auf anfängliche Skepsis fiel der Kurs für Kaninchenhaltung. Er sollte die traditionelle Delikatesse, das Meerscheinchen ergänzen. Gerne entsprochen haben wir dem Wunsch vieler Eltern, über die Firmsakramente informiert zu werden. Sie wollten auch Bescheid wissen, wenn die Jugendlichen ihnen begeistert vom Firmunterricht erzählten. Im Gesundheitsbereich haben wir mit dem staatlichen Personal zusammengearbeitet und den Gesund-heitsposten besser ausgestattet. Einige Jahre gehörte der einheimische Arzt Dr. Ruedas zu unserer Equipe. Bei Entwick-lungsprojekten engagierten wir uns immer dann, wenn die Bevölkerung sich entschlossen hatte, selber Frondienst zu leisten, eine von der Gemeindever-sammlung beschlossene Quote zu bezahlen und nachher eigenständig für den Unterhalt zu sorgen. So halfen wir – dank unserer Spender – bei Trinkwasserpro-jekten, Bewässerungsanlagen, Strassen- und Brückenbau und Elektrifizierung.
Besonders erfreuliche Erfahrungen
Angenehm aufgefallen ist mir, wie selbstverständlich die alltägliche Arbeit mit dem Religiösen verbunden wird. Wenn für ein Gebäude der Graben für das Fundament ausgehoben ist, legen die Arbeiter eine Pause ein. Jeder nimmt ein Glas Chicha (Maismost) in die Hand, leert in Kreuzesform einen Gutsch in den Graben und betet: Pacha mama, Mutter Erde, du musst entschuldigen. Wir haben dir mit dem Pickel wehgetan. Verzeihe es uns und lass zu, dass die Mauer halten wird, die wir auf dir aufbauen werden. Bevor sie dann den ersten Ziegel aufs Dach setzten, formt man daneben mit Ziegeln ein grosses Kreuz. Alle versammeln sich im Kreis, ziehen ehrfürchtig ihre Pneu-Sandalen aus und Einer nach dem Anderen leert einen Schluck Chicha auf das Kreuz, wünschte dem Haus alles Gute oder spricht spontan eine Fürbitte. Und dann – selbstverständlich – darf er das Glas austrinken. Ich staunte auch über unseren Arzt Dr. Pepe Ruedas, wenn er einen Patienten, dem er nicht helfen konnte, ganz selbstverständlich zu Doctor Pacheco schickte. Dieser ist Naturheiler und als „Knochenschlosser“ weit herum bekannt. Für einen Gipsverband benötigt er Zeitungspapier. Dies ist in den Dörfern sehr rar. Deshalb überbrachte ihm Hedi Studer jeweils den „Entlebucher Anzeiger“, den ihre Mutter in Schüpfheim für uns abonniert hatte. (Der „Böttu“ hätte sich gewiss auch geeignet!) Anfänglich etwas ungewohnt war für uns die zweifache religiöse Feier z.B. in Araypallpa am Fest des Dorfpatrons San Isidro. Am Vormittag alles typisch katholisch: Festgottesdienst in der Kirche, anschliessend Prozession durch die Strassen, dann gemeinsames Essen des OK. Am Nachmittag auf dem Dorfplatz Zeremonien mit Cocablättern und Chicha, wie dies seit der Inkazeit volksreligiöser Brauch ist. Die Leitung hatte ein Schamane oder Naturheiler. Wir haben uns auch über diesen zweiten Teil des Festes gefreut, Er hat den katholischen Ritus wunderbar ergänzt und der Bevölkerung das Gefühl der Beheimatung und viel Energie für den be-schwerlichen Alltag gegeben. Und wir selber durften stolz darauf sein, einen Schritt in Richtung Inkulturation mitgemacht zu haben. Und eine weitere erfreuliche Tatsache: Auf dem Weg in die Stadt sah ich mit stolz da und dort, wo gerade ein Schulhaus oder ein Trinkwasserpro-jekt verwirklicht wurde, auf der Hin-weistafeln auf denen geschrieben stand: „Fondo contravalor suizo – Schweizer Gegenwert-fonds“. Das waren mir Beweise, dass die Entwicklungszusam-menarbeit der Schweiz funktioniert.
Pfarrer Franz Erni und Hedi Studer erlebten während diesen 10 Jahren und ihren nachträglichen Besuchen in Peru noch unzählige weitere solche Geschichten. Heute wohnen sie in Menznau und erinnern sich gerne an diese Zeit zurück.








